Am 30. September 2019 verstarb Martin Gregor, Pfarrer i.R., der seit 1996 in unserer Gemeinde Wannefeld zu Hause war. Er hinterließ ein wohlsortiertes Archiv aller seiner Predigten seit 1957.

Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit! Es bietet sich die seltene Gelegenheit, zu sehen, was eine Kirchengemeinde in der DDR vor etlichen Jahrzehnten bewegte. (*)

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Predigt zu Silvester, 31.12.1961

(aus dem Nachlaß von Martin GREGOR, Pfarrer i.R., Wannefeld)

Predigt Röm 8, 31b-39

Liebe Gemeinde, es mag manchen geben, der sich in dieser Stunde dagegen sträubt, das zu Ende gehende Jahr unter die Überschrift ausgerechnet der Liebe Gottes zu stellen. Es ist zu viel geschehen in diesem Jahr 1961, zuviel Entscheidendes und kaum rückgängig zu Machendes, als daß wir an diesem Abend so ohne weiteres dazu bereit wären, dem lieben Gott unbesehen Danke zu sagen für dies vergangene Jahr. Es war tatsächlich nicht viel Liebe unter den Menschen in diesem Jahr – und Gottes Liebe: wo soll die wohl geblieben sein? Wo war Gottes Liebe am 13. August, als die Mauern wuchsen; wo war sie, als man die Einheit unserer Evangelischen Kirche zerriß und ihren Repräsentanten, Präses Scharf, außer Landes jagte; wo war sie, als unserer Patengemeinde die Einreise verweigert wurde; wo war sie, als im Sommer die Sterbeglocken unserer Bensdorfer Kirche für ein drei Monate altes Kind läuteten? Hätte die Kirche nicht ein neutraleres , unverbindlicheres Bibelwort ausgeben sollen für diesen Jahresschlußgottesdienst? Lauter Fragen; ob wir auch Antworten parat haben?

Es ist gut, wenn wir ins Fragen kommen an so einem Tag wie heute. Wenn wir nicht nur die letzten Stunden des Jahres erschlagen mit einer Feststimmung, die doch nur ein Fremdkörper bleibt in unserem Alltag vorher und nachher. Es ist gut, wenn wir den Fragen nicht ausweichen, die auf uns zukommen, und wenn wir gerade heute Abend ein paar Stunden Zeit für sie hätten. Für die Fragen, die auch dieses Jahr offen gelassen hat; Fragen, die unsere nächsten Mitmenschen an uns hatten und auf die wir die Antwort schuldig blieben bis heute; Fragen, die vielleicht Kinder uns stellten, und für die wir keine Zeit hatten. Oder auch Fragen, die gar nicht erst gestellt wurden, und die doch um uns herum in der Luft liegen; Fragen, die uns auch im neuen Jahr nicht loslassen werden. Was hat dir das vergangene Jahr gebracht – und was hat es dir genommen? Bist du weitergekommen auf das Ziel zu, das Gott deinem Leben stellt? Oder bist du abgekommen von dieser Richtung und hast dein Leben auf andere Zielfeuer angesteuert? Meinst du wirklich, daß Gott dir etwas schuldig geblieben ist in diesem Jahr – oder bist du es nicht selber, dessen Schuldkonto wieder 12 Monate lang angestiegen ist?

Lauter Fragen, Fragen, Fragen. In den Zeitungen sind heute Fragezeichen nicht so sehr gefragt. Dort beherrscht in den Schlagzeilen das Ausrufezeichen das Feld: Jahresplan erfüllt! Vorwärts zu neuen Erfolgen! Der Sieg wird unser sein! Wer Fragen stellt, scheint zu den Zweiflern zu gehören. Deshalb macht man sich selber Mut – oder tut wenigstens so – indem man sich am eigenen Optimismus aufwärmt. Es ist uns Christen nicht wohl bei so viel forcierter Kraftmeierei – wir haben schon zu viele positive Jahresabschlüsse mitgehört, bei denen dann doch immer das große Manko blieb. Es sind schon soviele Jahre als das entscheidende und als das erfolgreichste und als das siegreiche deklariert worden, von denen wir heute kaum noch ein einziges Datum im Kopf haben – und wenn, dann sind es höchstens private Dinge – die Geburt eines Kindes oder ein Sterbefall in der Familie. Genausowenig gehören wir Christen freilich zu den Leuten, die an jedem Silvestertag froh sind, auch dieses Jahr wieder hinter sich zu haben – und die in das nächste mit nichts hineingehen als bösen Erwartungen. Ich traue auch diesen Zweckpessimisten nicht – die sich immer nur selber bedauern und sich gleichsam die Regenwolken vor die Sonne ziehen, die Gott scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte, über Sozialisten und Kapitalisten, über Traurige und Fröhliche.

Nein – weder hier noch dort will der Herr Christus seine Leute stehen haben. Wenn Christen am letzten Abend des Jahres zusammenkommen, oder wenn sie, jeder für sich, nachdenklich werden und ins Fragen kommen: dann tun sie das alles aus einer andern Haltung heraus. Als Jochen Klepper 1938 die Verse niederschreibt, die wir vorhin vom Altar aus gebetet haben, die Verse, in denen er seinen Herrn ganz direkt anredet: Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen – da klingt beides an: Last und Segen; aber da wird beides dem in die Hände gelegt, der die Gewichte so verteilt, wie wir es tragen können; eben, weil er der ist, der allein Anfang, Ziel und Mitte weiß. Jochen Klepper hat diese Verse als ein Christ geschrieben, der dieses dunkle Jahr 1938 hellwach durchlebt und durchlitten hat – aber er schließt nicht mit bitterer Resignation, sondern mit dem getrosten Vertrauen auf den, den er bitten kann: Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten.

Jochen Klepper spricht hier nicht von sich allein. Er sagt: WIR, er sieht zurück auf „unser Jahr“. Christen verlieren sich gerade im Rückblick auf die Vergangenheit allzuoft an ihre eigene Person, an ihr eigenes Ich. Und dann verzerrt sich für sie der Spiegel, in dem wir Gott an der Arbeit sehen können mit seiner Christenheit. Man kann nicht immer nur in weltpolitischen Maßstäben denken – und man wird gewiß auch in dieser Nacht heute zehnmal mehr auf persönliche Wünsche anstoßen als auf die Dinge der Politik – aber man soll auch nicht versuchen, die Dinge der Welt immer nur um das eigene ICH kreisen zu lassen. Auch Paulus faßt sich immer mit den Lesern seines Briefes zusammen, wenn er in den uns allen bekannten Sätzen – bei jeder Beerdigung des vergangenen Jahres hörten wir sie – wenn er da fragt: Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Und diese Frage beantwortet mit der lapidaren Feststellung: Nichts kann uns scheiden … Es ist gut, wenn man Menschen hat, mit denen man sich verbunden weiß in den tiefsten und entscheidendsten Dingen, über alle bloße Nachbarschaft und Sportskameradschaft und Kollegialität hinaus. Jochen Klepper und genauso Paulus meinen jedesmal die Christengemeinde, wenn sie WIR sagen und UNS – und beide kennen keine engere Gemeinschaft als dieses Band, das Jesus Christus als der Herr seiner Kirche um uns legt. Und ich meine, da liegt bei uns noch manches im Argen: wenn wir so auf unsere Gemeinde im Ablauf des vergangenen Jahres zurückschauen. Wie oft da ein Pastor ein halb Dutzend Kirchenbesucher mit „liebe Gemeinde“ anreden muß, obwohl es ihn jedesmal wie ein kalter Strahl ins Gesicht trifft: wenn er an die 98% seiner nominellen Gemeinde denkt, die nun auch diesen Sonntag wieder ohne Gottes Wort auszukommen meint – ohne Sonntagsbraten tut sie es bestimmt nicht.

Oder wenn wir da im vergangenen Jahr zu dritt oder viert auf dem Kirchboden hockten und nicht vorankamen, weil keine andern Hände dawaren, die hatten mithelfen wollen beim Bau SEINER Kirche. Und wenn ich morgen einige Zahlen aus dem Leben unserer Gemeinde vorlesen werde: Über die Zahl der Kirchenaustritte, denen – außer den Kindertaufen – nicht ein einziger Kircheneintritt gegenübersteht; oder über die weiter zurückgegangenen Teilnehmerzahlen am Heiligen Abendmahl – da spüren wir wohl jetzt schon etwas von der mangelnden Zusammengehörigkeit innerhalb der „Gemeinde“ – und das heißt ja eben: bei den Leuten, die einen gemeinsamen Weg auf ein gemeinsames Ziel zu haben.

Es ist schon eine ganze Portion Wahrheit in der alten Fabel von den Stäben, die man leicht – jeden für sich, aber nicht gemeinsam – zerbrechen konnte. Wenn wir freilich dieses Bild auf unsere Christengemeinde anwenden, dann würde das Entscheidende immer noch fehlen. Die Kirche ist durchaus nicht immer dann ihrer Aufgabe am besten gewachsen gewesen, wenn sie in den Augen der Umwelt am geschlossensten und einheitlichsten erschien. Die gespaltene evangelische Kirche der Kirchenkampfzeit vor 25 Jahren ist es gerade gewesen, die wirklich wieder Menschen erreichte, die sich vor dem Bündnis Thron und Altar mit Recht abgewandt hatten. Und wenn es heute manchmal in Gemeindekreisen heißt: Es wird erst dann mit der Christenheit wieder bergan gehen, wenn Kirche und Staat zusammengehen – dann ist das sehr niedrig vom Herrn der Kirche gedacht, der ALLEIN unsere Hoffnung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sein kann – und nicht die kommenden und gehenden Machthaber unseres Jahrhunderts. Paulus – und mit ihm die ganze Bibel – kennt ein anderes Fundament für die Standfestigkeit der Kirche: Ist Gott für uns, sagt er, wer mag wider uns sein? Allein danach haben wir zu fragen, wenn wir uns an den Rückblick auf das vergangene Jahr machen: Haben wir Gott an unsere Seite treten lassen? Oder haben wir ihm das unmöglich gemacht mit unserem Kleinglauben, unserer Verzweiflung, unserm Trotz, unserer Hochmut? Haben wir auch, wenn wir heute an die Bilanz dieses Jahres 1961 gehen, haben wir auch wieder gedacht, alles aus eigener Kraft und mit eigener Macht tun zu müssen, anstatt uns von ihm BESCHENKEN zu lassen? Oder hätte Gott das Schenken verlernt? Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht ALLES SCHENKEN?

Ist das hier wirklich nur blendende Rhetorik? Wissen wir nicht – oder wollen wir es nur nicht wissen – daß Menschen zu allen Jahrhunderten auf die Gewißheit dieser Botschaft gelitten haben – und gestorben sind? Kann noch jemand daran zweifeln, daß Gott für uns ist, wenn er gerade von Weihnachten herkommt und mitgesungen hat: Gott schenkt uns seinen Sohn? Wenn Gott uns in unsern Jahren manches vorenthält, was andere Generationen für selbstverständlichen Besitz hielten: dann lasse ich mir als Christ sagen, daß Gott auch damit seinen Plan verfolgt mit mir und daß er nichts Böses gegen mich im Schilde führt damit. Alles, was jetzt noch gegen mich steht – und ich wäre gewiß kein Christ in dieser Zeit, wenn in meinem Leben alles ohne Widerstände abginge – all das kann mich nun nicht mehr aufhalten, kann mein Leben nicht mehr entscheidend treffen – selbst dann nicht, wenn ich, wie Paulus, mein Leben verlieren müßte um der Sache des Herrn Christus willen.

Weil Gott für uns ist, deshalb stehen wir als Christen nicht mehr unter dem Schuldspruch und nicht mehr unter dem Verdammungsurteil des Weltenrichters. Wir stehen und fallen dem Herrn, der an unserer Stelle gestorben ist. Und so eng gehöre ich mit ihm zusammen, daß nichts, wirklich: nichts mich von seiner Liebe scheiden kann. Nicht Trübsal, nicht Angst, nicht Verfolgung oder Hunger, nicht das Entblößtsein von allen andern Hilfen, nicht die äußerste Gefahr und nicht Waffengewalt. Und immer ist es Paulus nicht genug mit seiner Aufzählung: es soll keiner kommen und etwa doch eine Macht finden, die einen Christen aus Gottes Händen reißen kann: Nichts – sagt Paulus. Weder Tod noch Leben, weder himmlische noch irdische Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges – nichts zwischen Himmel und Hölle kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Diese Gewißheit, daß Gott mich liebhat und liebbehält, trägt uns durch das kommende wie durch das vergangene Jahr. Hätten wir doch heute abend wenigstens eine Viertelstunde Zeit, um uns zu erinnern, wo uns in diesem Jahr 1961 Gottes Liebe begegnet ist! Was für ein armer Mensch wärst du, wenn dir dabei gar nichts einfiele. Kein Gottesdienst, in dem sein Wort dich traf. Kein Gesangbuchlied, das mit dir durch deine Krankheit ging. Kein freundlicher Gruß, der dir im Namen dieses Herrn zugerufen wurde. Und wenn dir wirklich gar nichts ins Gedächtnis käme: dann komm bitte jetzt an den Tisch, an den dich der Herr Christus selber einlädt – um dir in Wein und Brot selber leibhaftig zu begegnen. Handgreifliche Liebe Gottes in diesem Mahl – nimm sie an, und du wirst niemehr sagen können, es sei nichts von Gottes Liebe mehr in der Welt.

Wer will uns scheiden von dieser Liebe Gottes? Wir blicken zurück auf ein Jahr, das dahingeht. Vielleicht erkennen wir jetzt in allem Dunkel schon ein wenig deutlicher die Fußstapfen, die Gottes Liebe diesem Jahr eingeprägt hat – trotz allen Hasses und aller Zwietracht und aller Verzweiflung, die wir Menschen wieder gesät haben. Und wenn wir dieser Spur Gottes folgen, wird unser Schritt über die Schwelle des Neuen Jahres ein Schritt mitten in Gottes Liebe hinein sein.

Amen.

Predigt zu Heiligabend, dem 24.12.1961

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Um das Lesen zu vereinfachen, folgt diesmal der Text in einer PDF-Datei:

Predigt am 01.10.1961, Erntedank-Gottesdienst

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Predigt am 03.09.1961, Schulanfänger-Gottesdienst

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Predigt am 27.08.1961, nach dem Mauerbau

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Predigt zum Pfingstsonntag, 21.05.1961

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Predigt zu Christi Himmelfahrt, 11.05.1961

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Predigt zum Ostersonntag, 02.04.1961

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Predigt zum Karfreitag, 31.03.1961

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Passionsandacht, 21.03.1961

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Predigt zu Silvester, 31.12.1960

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Predigt zum 1. Weihnachtstag, 25.12.1960

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Predigt zum Reformationstag, 31.10.1960

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Predigt zum Erntedank-Sonntag, 02.10.1960

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Um das Lesen zu vereinfachen, folgt diesmal der Text in einer PDF-Datei (einmal mit und einmal ohne Unterstreichungen).


Predigt zum Pfingstsonntag, 05.06.1960

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Predigt zu Christi Himmelfahrt, 26.05.1960

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Predigt zum Ostersonntag, 17.04.1960

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Predigt zum Karfreitag, 15.04.1960

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Predigt zum Gründonnerstag, 14.04.1960

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(*) Geschätzte Besucher dieser Webseite,
die Wiedergabe der Predigten von Pfarrer Martin Gregor aus ziemlich ferner Zeit ist selbst im weitverzweigten Internet sicher eine Rarität.
Die Predigten halte ich für aussagekräftig, glaubensstark und revolutionär, um dieses große Wort mal zu gebrauchen.
Mich würde interessieren, ob sich auf dieser Unterseite unserer Webseite Besucher einfinden und sie vielleicht sogar mit einem Gefühl kräftiger Inspiration wieder verlassen.
Über Rückmeldungen würde ich mich freuen.
Hans-Peter Baule (hp.baule@freenet.de)